Mitglieder für Mitglieder – Damaris Benzko von der Ambulanten Krankenpflege und Seniorenbetreuung in Magdeburg teilt Ihre Erfahrungen und macht Mut!
Digitalisierung in der ambulanten Pflege – Der Sprung ins kalte Wasser hat sich gelohnt
Die Digitalisierung verändert die ambulante Pflege – und sorgt vielerorts zunächst für Skepsis. Unser Pflegedienst hat den Schritt bereits vor gut drei Jahren gewagt. Ein Erfahrungsbericht darüber, warum sich der Sprung ins kalte Wasser gelohnt hat und weshalb am Ende vor allem eines zählt: mehr Zeit für die Menschen.
„Was? Wir sollen jetzt alles nur noch mit dem Tablet machen?“
„Und wenn ich etwas falsch mache und alles gelöscht wird?“
„Was passiert bei einem Stromausfall oder wenn der Server ausfällt? Dann sehe ich meine Tour doch gar nicht mehr!“
Diese und viele ähnliche Fragen begleiteten uns, als wir im Frühjahr 2023 in unserem ambulanten Pflegedienst den Schritt in die Digitalisierung gewagt haben. Rückblickend müssen wir darüber manchmal schmunzeln – damals waren die Sorgen jedoch absolut berechtigt.
Wer gerade vor einer solchen Umstellung steht oder sie bereits hinter sich hat, wird diese Aussagen wahrscheinlich nur allzu gut kennen. Veränderungen verunsichern zunächst. Besonders dann, wenn sie den eigenen Arbeitsalltag grundlegend verändern.
Digitalisierung ist in der Pflege angekommen
Digitale Tourenplanung, mobile Pflegedokumentation, elektronische Leistungsnachweise oder Kommunikations-Apps gehören inzwischen in vielen ambulanten Pflegediensten – auch in unserem Landesverband – zum Alltag. Dennoch wird das Thema nach wie vor unterschiedlich bewertet.
Ist Digitalisierung nun eine echte Erleichterung oder schafft sie nur neue Herausforderungen?
Die ehrliche Antwort lautet: Beides.
Wenn Technik den Arbeitsalltag erleichtert
Richtig eingesetzt bietet die Digitalisierung viele Vorteile. Informationen stehen allen Mitarbeitenden sofort zur Verfügung, Dokumentationen können direkt beim Patienten erstellt werden und Änderungen in der Tourenplanung erreichen das gesamte Team innerhalb weniger Sekunden.
Das spart Wege, reduziert doppelte Arbeit und verbessert die Kommunikation. Gerade in einem Beruf, in dem Zeit ein kostbares Gut ist, können digitale Lösungen wertvolle Freiräume schaffen – Zeit, die letztlich wieder den Patientinnen und Patienten zugutekommt.
Ein häufiger Aha-Moment ist, wenn Mitarbeitende feststellen: „Ich muss nicht mehr alles doppelt machen.“ Kein Nachtragen im Büro, kein Suchen nach Zetteln – vieles wird direkt vor Ort erledigt. Oft sind es genau diese kleinen Veränderungen, die im Alltag den größten Unterschied machen.
Wo Vorteile sind, gibt es auch Herausforderungen
Natürlich bringt die Digitalisierung auch neue Anforderungen mit sich. Programme müssen erlernt, Datenschutzvorgaben eingehalten und technische Probleme gelöst werden. Nicht jede Software ist intuitiv und nicht jedes Update macht den Arbeitsalltag einfacher.
Und ja – Server können ausfallen, Tablets haben gelegentlich ihren eigenen Kopf und manchmal scheint die Technik genau dann eine Pause einzulegen, wenn man sie am dringendsten braucht. Das sorgt verständlicherweise für Frust und lässt manche Mitarbeitende zunächst an der Umstellung zweifeln.
Der Schlüssel zum Erfolg: Die Mitarbeitenden mitnehmen
Entscheidend ist deshalb nicht die Digitalisierung selbst, sondern ihre Umsetzung.
Digitale Systeme müssen den Pflegealltag unterstützen und dürfen ihn nicht unnötig komplizierter machen. Ebenso wichtig ist es, die Mitarbeitenden von Anfang an einzubeziehen, ihnen Zeit zum Lernen zu geben und ausreichend Schulungen anzubieten. Wer den Nutzen versteht und sich im Umgang mit der Technik sicher fühlt, entwickelt Vertrauen – und genau dieses Vertrauen ist die Grundlage für eine erfolgreiche Digitalisierung.
Unsere Erfahrung: Aus Skepsis wurde Selbstverständlichkeit
Heute – gut drei Jahre später – können wir sagen: Der Schritt hat sich gelohnt.
Natürlich gab es anfangs viele Fragen, Unsicherheiten und auch einige kritische Stimmen. Doch unsere Mitarbeitenden haben den „Sprung ins kalte Wasser“ hervorragend gemeistert. Mit etwas Geduld, gegenseitiger Unterstützung und einer Portion Neugier wurde aus anfänglicher Skepsis schnell Routine.
Heute sind Fragen zur digitalen Dokumentation eher die Ausnahme. Und wenn doch einmal etwas nicht funktioniert, liegt es meistens daran, dass der Server nach einem Update beschlossen hat, einen schlechten Tag zu haben.
Auch wir waren bereits von Serverausfällen betroffen – sei es durch einen Stromausfall oder einen technischen Defekt. Doch auch dafür gibt es Lösungen. Für solche Fälle sichern unsere Mitarbeitenden ihre Tour per Screenshot und dokumentieren im Ausnahmefall ganz klassisch mit Stift und Papier. Sobald das System wieder verfügbar ist, werden die Einträge nachgetragen.
Perfekt ist Digitalisierung also nicht. Aber sie muss auch nicht perfekt sein, um den Arbeitsalltag deutlich zu erleichtern.
Technik unterstützt – Menschen pflegen
Bei aller Digitalisierung darf eines nie vergessen werden: Der wichtigste Bestandteil ambulanter Pflege ist und bleibt der Mensch.
Kein Tablet ersetzt das aufmerksame Gespräch mit einer Patientin oder einem Patienten. Keine Software erkennt automatisch die kleinen Veränderungen, die einer erfahrenen Pflegekraft sofort auffallen. Und keine App kann Empathie, Vertrauen oder menschliche Nähe schaffen.
Unser Fazit
Die ambulante Pflege wird in den kommenden Jahren weiter digitaler werden. Diese Entwicklung bietet große Chancen – vorausgesetzt, die Technik orientiert sich an den Bedürfnissen der Menschen, die täglich mit ihr arbeiten.
Unsere Erfahrung zeigt: Der Weg dorthin erfordert Mut, Geduld und manchmal auch starke Nerven. Doch er lohnt sich.
Unser Fazit nach gut drei Jahren ist eindeutig: Die größte Hürde war nicht die Technik – sondern die Angst vor ihr. Heute möchten die meisten Mitarbeitenden ihr Tablet im Arbeitsalltag nicht mehr missen. Digitalisierung ersetzt keine Pflege, aber sie kann den Menschen, die pflegen, den Rücken stärken.
Deshalb möchten wir allen Pflegediensten, die diesen Schritt noch vor sich haben, Mut machen: Trauen Sie sich! Richtig eingesetzt schafft sie mehr Übersicht, bessere Kommunikation und spürbare Entlastung im Arbeitsalltag – damit am Ende mehr Zeit für das bleibt, worauf es in der Pflege wirklich ankommt: den Menschen.